3 Monate Chile


Ich war so froh, dass ich endlich mal aus diesem scheiß Alltag hier in diesem Land raus kam. Vor allem die Schule und gerade hier einzelne Personen haben mich extrem aufgeregt. Zum Glück hatte ich schon seit längerem meinen Trip nach Chile im Kopf und somit ein Ziel. Über die Schule kam ich zu einem Schüleraustausch, der mich drei Monate nach Chile brachte. Ich fuhr ohne große Erwartungen los, klar hab ich mir schon überlegt, wie wohl meine Austauschfamilie sein könnte. Ich wusste ja praktisch gar nichts, aber ich hab da mal keinen Stress geschoben und alles so auf mich zukommen lassen. Auch der Abschied von Familie und Freunden lief bei mir nicht ganz so emotional.
Die ersten Gedanken machte ich mir, als ich im Flugzeug versuchte, einen Film auf Spanisch zu schauen und gar nichts verstand. Dann stand ich auch schon vor meiner Familie, die Begrüßung war unkompliziert und direkt ohne viel Smalltalk, so wie eigentlich die meisten Chilenen sind. Ich sollte für 3 Monate in Quilpué wohnen, einem 100 000-Einwohner-Dorf ohne großen Stadtkern oder Park, zum Glück nur eine halbe Stunde von zwei der berühmtesten Städte, Valparaíso und Viña del Mar, entfernt und somit auch nur eine halbe Stunde vom Meer. Ich hatte echt Glück mit meiner Familie und wurde super aufgenommen. Außerdem hatte ich ein eigenes Zimmer mit Bad und sogar warmer Dusche, was dort echter Luxus ist.
Zuhause angekommen habe ich erst einmal mein Skateboard zusammengebaut. Geil, extra neue Schuhe und Stuff. Dadurch hoch motiviert bin ich dann erst mal an die Promenade gefahren um direkt am Meer skaten zu können. Einfach der Hammer so am Meer skaten zu können. Auch die alltäglichsten Aktionen haben am Strand eine Art Zauber. Da angekommen stürmen schon beim warmmachen ungefähr 30 kleine Kids auf mich zu, weil irgendwie alle sofort erkennen, dass ich Ausländer bin und die Chilenen meist sehr offen und interessiert sind.
Abends bin ich dann gleich mit meinem Austauschschüler auf Carrete gegangen; chilenische Hausparty mit allem drum und dran, viel Pisco, Reggaeton und besoffener Hund. Doch die nächsten Tage war erst mal nicht so viel mit Skaten, morgens in die Schule und mittags Stadt oder Küste erkunden. Durch Zufall traf ich dann die Jungs, die den ganzen Tag auf so einem Platz hinter dem Zentrum abhingen und allerlei selbst gebasteltes Zeug dabei hatten, das aber zum Teil schon ordentlich durchgerostet oder durchlöchert war. Überhaupt nehmen die es da nicht so eng mit dem Material oder meckern auch nicht wegen dem Boden, da der eh überall scheiße ist (nichts mit bequem durch die Straßen rollen). Da wird das Brett durchgefahren bis überhaupt nichts mehr von der Tail  zu sehen ist. Es gab auch mehrere Skater, die in Deutschland auf jeden Fall schon mal ein Shopsponsoring hätten, wenn sogar nicht mehr. Jedenfalls sollten das bis zum Ende des Trips meine Buddies sein, und sie waren auch echt alle voll okay.
Außerhalb des Skatens gibt es auch verdammt viele neue Eindrücke. Chile ist ein gegensätzliches Land. Alles hier hat seine zwei Seiten; die Lässigkeit der Menschen, aber auch ihre Gleichgültigkeit. Die Freundlichkeit gegenüber Touristen, aber auch die Abzocke. Ich lerne beide Seiten kennen. Ich mache viel mit meinen Freunden aus der Schule und wir verbringen die meiste Zeit in der Stadt beim Essen. Mein Rekord beim "All you can eat bei Pizza Hut" sind 11 Stück und damit führe ich die ewige Rangliste der Deutschen in Chile an. Empanadas und Churros werden meine Hauptnahrung und ich esse immer zweimal so viel, weil alles billiger ist als in Deutschland: Friseur für zwei Euro, zwei Stunden Bus fahren für drei Euro, sogar der MacDonalds ist hier günstiger, zehn Chicken MacNuggets für ein Euro.

Die Zeit ging rum wie verrückt und ich hab keinen Plan, was ich eigentlich so gemacht habe. Sogar drei Wochen Ferien kamen mir vor wie nichts. Man muss dazu sagen: Das meiste in den Ferien lief nachts. Durchschnittlich fünf Tage die Woche Party und das mit Chilenen. Deutschland ist langweilig und die Mädchen in Chile sind nicht gerade schüchtern. Ich habe in einem voll besetztem Bus Reggaeton tanzen gelernt. Und das Übelste war, dass es Bier in Ein-Liter-Flaschen gab und es kostete 1,20 Euro pro Liter. Für mich passend, da ich nach ein paar Geschichten am Anfang gleich wieder auf mein so geliebtes Bier umgestiegen bin.

Direkt nach den Ferien folgte die 10-tägige Reise in den Norden - das Highlight. Am Abend davor waren wir erst mal wieder im "Flor de Chile", unserer Stammkneipe. Ich bin um ein Uhr nachts - noch relativ früh - heimgekommen, aber manche Leute kamen so fertig und besoffen morgens um acht an der Schule, unserem Treffpunkt an. Auf der 20-stündigen Fahrt immer in den Norden wurde dann schon um zehn das erste Bier geöffnet. Am nächsten Morgen wachen wir auf, schauen aus dem Fenster und alles sieht aus wie auf dem Mond. Alles felsig, staubig und trocken. Unsere Straße verliert sich irgendwo am Horizont und das einzige, was auf Leben hier schließen lässt, ist der Müll am Straßenrand und eine Plastiktüte, die durch den trockenen Wind weht.

Wir halten. Am Horizont kann man auf einen Blick 26 Vulkane sehen. In einem von ihnen liegt der höchstgelegene See der Welt. Frühstück mit allem drum und dran und erstes Akklimatisieren auf 2500 Meter Höhe. Um zehn kommen wir in San Pedro de Atacama an, einer Oase, die für drei Tage unsere Heimat sein soll, klein, alles aus Lehm und mit fast ausschließlich Touriläden. Am Abend sind wir auf Carrete von einem aus Santiago eingeladen. Am Start sind auch ein paar Amis, die wir bei dem angeblich schönsten Sonnenuntergang der Welt am Valle de la Luna kennen gelernt haben. Sie sind Snowboardlehrer und überbrücken hier in Chile den amerikanischen Sommer.
Ich frage einen Rastamann mit Rastas bis zu den Knien und so fett wie Bananen nach dem Weg. Er ist so zuvorkommend und führt uns bis zu dem nicht mehr allzu weit entfernten Haus. Dort begrüßt er die Kollegen aus dem Valle mit Umarmung und allem, und ich denk mir, was für ein Zufall, dass wir direkt einen ihrer Bekannten getroffen haben. Drin läuft auch endlich mal meine Musik, Funk und Punk und ich tausche mit den Jungs die alle echt cool drauf sind Musik aus. Der Chefsnowboardlehrer heißt Sean, ich unterhalte mich länger mit ihm, aber ich habe Probleme, da er einen sehr komischen Dialekt hat. Mit ihm rede ich über Musik und Politik - alle voll die Obama-Fans. Dann erzählt mir einer seiner Kollegen, er sei taubstumm, daher kommt seine komische Aussprache. Es war eine meiner unglaublichsten Begegnungen. Er hat alles von den Lippen abgelesen, bei Musik irgendwie den Beat gespürt und bei Mädchen ist er offensiver gewesen als alle anderen von denen hier. Der Bolivianer, den ich nach dem Weg gefragt habe, ist, wie er mir erzählt, professioneller Schmuggler und Dealer. Er verabschiedet sich bald, weil er weiter muss.
Max, einer der Amis ist die ganze Zeit schon dabei sein 30Gb-iPod zu suchen, wusste aber eigentlich, wo er ihn hingelegt hatte. Schon fast am Flennen, fragt er mich, wo unser Freund hin ist und warum er so schnell abgehauen ist. Der Typ meint den Bolivianer, und die ganze Sache klärt sich. Max hat gemeint, dieser sei ein Freund von uns. Dabei hat er sich nur mit reingesetzt, mitgetrunken, geraucht, den iPod abgezogen und ist abgehauen. Ein falscher Freak. Um fünf Uhr nachts liege ich in unserem arschkalten Zelt und muss noch mal über den Abend nachdenken - so eine Party. Außer denen aus Chile, den Amis, uns und dem Bolivianer war auch noch eine Brasilianerin dabei. Ich glaub eine so multikulturelle Party hatte ich noch nie gehabt.

Am nächsten Tag brechen wir zum Glück erst am Mittag zum Salar de Atacama auf. San Pedro ist verrückt, mittags über 30 Grad und nachts unter Null. Es hat seit 30 Jahren nicht mehr geregnet, und trotzdem gibt es mehrere Seen, Flüsse, aber halt auch endlose Wüste und trotz der vielen Touristen immer noch viele sehr zutrauliche Lamas, Alpakas und Vicuñas. Der Salar de Atacama ist eine riesige Salzablagerung in dessen Mitte sich ein See befindet. Der Sonnenuntergang ist genial, weil sich die roten Berge im See mit den Flamingos spiegeln. Beim Abendessen gibt es dann wie jeden Abend im Restaurant Indiobands, die zum Lagerfeuer bei typisch chilenischem Essen Indianerzeug mit Modernem vermischt spielen, so, dass es sich richtig gut anhört und so, dass ich San Pedro nie vergessen werde.

Der nächste Tag war der eindrucksvollste und längste Tag der Reise. Um vier Uhr morgens wurden wir von Kleinbussen abgeholt, die uns auf den Vulkan Tatio bringen sollten. Wir fuhren zwei Stunden auf Geröll und Schotterwegen unter dem schönsten und vollsten Sternenhimmel, den ich je gesehen habe. - Sonst werde ich ja nicht so sentimental aber dieser Himmel war so übel: Alles bis zum Horizont war voll mit Sternen besetzt und alle zehn Sekunden konnte man eine Sternschnuppe beobachten. Es wurde hell, als wir auf dem Tatio ankamen die aufsteigenden Rauchsäulen waren schon von weitem zu sehen. Der provisorische Parkplatz sah aus wie nach einem Anschlag. Überall Geröll und es rauchte aus mehreren kleineren Löchern. Schlimmer war aber dann das Feld von Geysiren, das vor uns lag. Es entspricht so ungefähr den kirchlichen Erzählungen von der Hölle, nur, dass es bittere -15 Grad hatte. Wir wurden von unserem Führer über das Vulkanfeld geleitet, überall brodelte und rauchte es. In unregelmäßigen Abschnitten schossen Säulen aus Wasser und Dampf direkt neben uns in die Höhe. Unvorstellbar, was es auf diesem Planeten alles Abartiges gibt. Mir kam so vieles auf dieser Reise vor, wie eine andere Welt. Das war es wohl auch. Später gab es Frühstück mit warmer Milch und gekochten Eiern, gekocht im Wasser der Geysire. Mehrere Leute verbrachten allerdings das Frühstück im Bus, da wir auf einer Höhe von 4500 Metern waren und sie an Höhenkrankheit litten. Ich badete danach noch in einer heißen Quelle, allerdings war es sehr wechselhaft warm. Oben an der Oberfläche arschkalt wegen -15 Grad Außentemperatur und an den Stellen, wo das Wasser aus dem Boden sprudelte, kochend heiß. Trotzdem eine geile Erfahrung. Zu Mittag gab es gegrilltes Lamafleisch, vielleicht das saftigste Fleisch, das ich je gegessen habe.
Am Nachmittag wurden wir dann zum Cowboyspielen in der Wüste abgeholt, und wir ritten durchs Marlboroland. Am Abend dann wieder zu den Snowboardlehrern, um den Abschied von San Pedro gebührend feiern.

Der nächste Tag war dementsprechend verkatert. Es waren eh erst mal sechs Busstunden zu bewältigen. Gegen drei Uhr kamen wir dann in Chuquicamata, dem größten Kupfertagebau der Welt an. Man könnte den ganzen Schauinsland in dem Loch versenken, was man an den riesigen Sandaufschüttungen neben dem Loch schon erahnen kann. Lkws mit Reifen, die einen Durchmesser von vier Metern haben, befördern das Gestein in acht Stunden Fahrtweg nach oben. Umsatz 14000 Dollar die Minute und alles Kupfervorkommen ist für 10 Jahre an die Chinesen verkauft worden. Man kann verstehen, dass dies auch ein Grund für den Krieg zwischen Bolivien und Chile war. Ein paar weitere Busstunden in Richtung zum nächsten Campingplatz. Geil! Hängematten unter dem Sternenhimmel mit Lagerfeuer, Gitarre und Bongos, Karibikstyle, zwei Hammer-Nächte in der Pampa del Tamarugal. Dort in der Nähe gibt es den wohl schönsten Salzsee, Salar de Huasco - und überall wilde Tiere, die man am Straßenrand sehen kann. In der anderen richtung gibt es Salpeter und die dazugehörigen Geisterstädte, wie Humberstone. Sie sehen aus wie in Wild-West-Filmen mit Saloon und Theater.

Nach einem Abstecher nach Iquique, kommen wir nach einer weiteren Nacht im Bus in Caldera an. Geiles Appartement und der erste Skatepark, den ich in diesem Land sehe. Caldera ist vor allem bekannt für seine Strände. Richtig cooles Wasser und Felsen, aber Schwimmen ist durch die ganzjährige 10-Grad-Wassertemperatur nur eingeschränkt möglich. Jedoch waren wir verrückt und besoffen genug, um nachts in den ungefähr genauso kalten Hotelpool zu springen. Das kann man sich erlauben, wenn man endlich mal nicht bei Null grad im Zelt übernachten muss. Der nächste Tag wird in la Serena verbracht, es wird eine Sternwarte besucht und früh ins Bett gegangen. Endlich steht Surfen auf dem Programm. Mein erstes Mal - abgesehen von Asphaltsurfen. Schwer, aber immerhin habe ich schon einen Vorteil, und es macht echt wahnsinnig Spaß. Das war ja jetzt ausführlich genug über die Nordenreise, aber das ist das, was mir ewig in Erinnerung bleiben wird.

Nach der Nordenreise habe ich mir noch so viel vorgenommen und hatte dann doch nur noch drei Wochen. Am Wochenende steht dann immerhin noch mit allen Santiago an. Santiago ist richtig Großstadt, aber ich will jetzt mal nur über zehn Minuten reden. Wir waren zum Essen im Mercado Central und haben uns dann noch mit einem Chilenen unterhalten, der deutsch sprach. Wir wollten zum Estadio Nacional, wo unter Pinochet die politischen Gefangenen festgehalten worden waren, und wir fragen diesen Kellner. Der erklärt uns dann auch einiges über die Gedenktafel und so weiter. Als er zum Estadio Nacional kommt, stoppt er und meint, er kann grad nicht weiter reden. Wir sagen ihm, er solle ruhig auf Spanisch weiter sprechen, aber dann merken wir, ihm fehlen nicht die Vokabeln, er ist am zusammenbrechen und fängt an zu weinen. Es ist schon komisch, wenn ein ca. 50-jähriger Mann vor dir anfängt zu weinen, aber er fängt an unter Tränen nur kurz zu erzählen, dass auch er in diesem Stadion gesessen hat. Wir merken, er will nicht weiter erzählen und lassen ihn dann in Ruhe. Auf der Straße, direkt vor dem Mercado liegt jemand, blutend und vollgekotzt flach auf dem Boden. Alle schauen kurz, laufen aber vorbei. Es scheint hier öfter vorzukommen, dass Obdachlose ihre Alkoholvergiftung auf der Straße auskurieren oder auch nicht. Jedenfalls, der Mann atmet nicht mehr und zeigt auch sonst kein Lebenszeichen. Endlich kommt eine Polizeistreife. Sie laufen auch erst vorbei. Erst als ein Kollege die anderen doch noch animiert, was zu unternehmen, streifen sich die Polizisten Handschuhe über und zerren den Mann an den Straßenrand. Sie lassen ihn liegen und gehen weiter. Aber wie gesagt, was mir in Chile aufgefallen ist, ist wie gegensätzlich dieses Land ist. Da werden gefälschte Brillen neben der Markenboutique verkauft, gebrannte CDs kann man direkt neben dem Musikladen kaufen und der Porsche Cayenne fährt neben der verbeulten Schrottkarre ohne Fenster. Gerade wegen diesen Erfahrungen kann ich Chile sofort empfehlen. - Auf dem Rückflug versteht man dann auch die spanischen Filme.

 Ich muss nur noch sagen war eine krasse Sache, und ich würde alles in der Richtung sofort wieder machen.

Max