Daniel Kulse

Aschezeit

 

„Und aus dem Schatten geboren,

wird er kommen,

als Retter erkoren,

dem Blut entronnen.“

Prophezeiung von der Seherin

 

Es war einer dieser heißen Sommertage.

Dennoch war das Korn auf den Feldern reichlich und schimmerte golden.

Die Zeit der ernte würde bald kommen. Man musste nur noch warten bis Ferida, die Göttin der Fruchtbarkeit, ihren Segen durch ihre Priester aussandte.

Auf den Feldern gab es folglich keine Arbeit , also machte er sich auf den Weg in die Wälder, denn ihm war nach Jagd zumute.

Ein wenig Fleisch konnte nicht schaden, zumal seine beiden Söhne noch im Wachstum waren.

Früher war die Jagd verboten gewesen, des Königs Wild war des Königs gewesen, aber nun, nachdem die Umbrae aus dem Osten eingefallen waren, hatten die Gesetze an Bedeutung verloren.

Zwar gefiel es ihm nicht in diesen düsteren Zeiten seine Familie zu verlassen, aber sie brauchten das Fleisch, denn wie lange würde es wohl gehen bis sie selbst hier nicht mehr sicher waren.

Aber Sicherheit gab es schon seit langem nicht mehr. Nicht einmal mehr in der Nähe von Thronering, der Stadt der Könige.

Aber sie waren weit weg von Thronering.

Sorrn fasste das Kurzschwert in seinem Gürtel fester.

Es würde nichts geschehen. Er wusste, wo er das Wild fand und war gut mit seinem selbstgebauten Bogen.

So schlich er durch die Wälder und horchte. Es war noch lange bis zu der großen Lichtung, doch vielleicht verwirrte sich eines der Rehe ja in seine Nähe.

Aug der Hälfte seines Weges fiel ihm ein schöner Tannenzapfen auf. Jedem anderen wäre er egal gewesen, auch wenn er eine seltsame Biegung hatte, doch er wusste, wie sehr sich Henrikon freuen würde. Sein Zweitgeborener hatte eine unglaublicher Vorstellungskraft und ein geschicktes Händchen, weshalb er immer aus den einfachsten Dingen kleine Skulpturen und Spielzeuge erschuf.

Er würde sich über den Tannenzapfen freuen.

Sorrn marschierte weiter. In der Nähe der Lichtung angekommen nahm er den Bogen vom Rücken und legte einen seiner drei Pfeile ein.

Geduckt und im Schatten schlich er durch die Bäume immer näher an den Rand der Lichtung.

Aug einen Blicke erkannte er, dass er vorsichtig sein musste. Die Rehe waren unruhig.

Sie waren unvorsichtig, wachsam.

Er durfte sich keine Fehler erlauben.

Leise blickte er zu dem Wild auf der Lichtung. Sorgsam suchte er sich seien Beute.

Aber er erkannte, dass er Problem hatte. Egal wie er es versuchte, er hatte durch den Busch vor seinem Gesicht nicht den richtigen Schusswinkel. Er würde sich erheben und dann schießen müssen. Ein schwieriges und riskantes Unterfangen. Er musste schnell genug sein, damit die Ehe nicht zu schnell reagierten und so seine Beute dem Pfeil entkam.

Leise holte er Luft. Wieder atmete er aus und durchdachte, was er tun wollte.

Er atmete tief ein.

Dann stand er blitzschnell aus seiner gebückten Haltung auf, den Pfeil auf seiner Beute visiert.

Aber die Rehe rissen die Köpfe herum. Auch seine Beute bewegte den Kopf und der gut platzierte Schuss ins Auge verfehlte sein Ziel.

Sofort spannte er den zweiten Pfeil ein, aber das Wild rannte schon.

Verzweifelt schoss er.

Und tatsächlich schlug sein Pfeil in in dem linken Hinterlauf von dem Rehe ein.

Es schrie, doch es rannte weiter.

Sorrn knurrte wütend und rannte los, warf den Bogen weg, zog sein Kurzschwert und rannte los.

Seine Muskeln arbeiteten, während er dem grazilen Wild hinterher rannte.

Zu seinem Glück war das verletzte Tier etwas langsamer.

Er holte auf.

Seine Beine schmerzten.

Er musste es schaffen!

Ganz nah. Er konnte den hektischen Atem des Tieres hören.

Er trat mit dem linken Fuß auf und sprang.

Mit einer Hand schaffte er es das reg am Hals zu packen und er riss es zu Boden, während er selbst ebenso hinfiel.

Das Reh drehte sich und versuchte zu entkommen. Aber sein Kurzschwert war schneller.

Er traf die Kehle des Tieres. Das Reh begriff nicht, was geschah. Es wehrte sich noch kurze Zeit, dann brach es zusammen.

Erschöpft erhob sich Sorrn und betrachtete seine Beute. Es würde, wenn sie es sich gut einteilten, wohl zwei Monate reichen.

Auf einen Blick auf seine Kleidung hin fluchte er. Blutflecken waren nur schwer hinauszubekommen.

Sorrn seufzte und erhob sich. Dann nahm er das reg und seine Schultern und schob sich das Kurzschwert zurück in den Gürtel.

Er leif zurück zu der Lichtung und sammelte den Bogen und den Pfeil ein.

Der Pfeil war zerbrochen.

Erneut fluchte Sorrn. Nun hatte er nur noch zwei Pfeile. Dennoch nahm er den kaputten Pfeil mit, vielleicht konnte er noch etwas mit der Eisenspitze anfangen.

Die Pfeile hatte er der Leiche eines Soldaten abgenommen. Er hatte sie und weitere Tote auf einem Weg gefunden. Sie waren überfallen worden. Vermutlich von den Umbrae.

Fünf Pfeile waren es gewesen. Diese Pfeile hatten ihm weit geholfen. Es war ihm damit gelungen seine Familie zu ernähren. Der Weizen allein und das, was der winzige Garten an Gemüse hergab, reichten einfach nicht.

Ohne eine weitere Pause einzulegen machte er sich auf den Rückweg.

Das Blut musste so schnell wie möglich aus der Kleidung.

Er lief zügig durch den Wald, das Reg auf den Schultern, doch für ihn war dieses Gewicht geradezu nichtig.

Sorrn war groß und breit. Viele nannten ihn einen Hünen und schon mancher Soldat hatte ihn angeworben. Aber er hatte sich für seine Familie entschieden.

Nach dem kurzen Fußmarsch war er endlich wieder am Waldrand angelangt. Vor ihm lag die ihm so bekannte, leicht hügelige, aber mit grünem Gras bedeckte Landschaft.

Früher hatte es noch Kühe gegeben, die hier gegrast hatten. Kühe, Schafe und Ziegen.

Sie selbst hatten vier Rinder und fünf Ziegen gehabt.

Aber Königs Leonal IV hatte, als der Krieg ausgebrochen war, alle einsammeln lassen. Zu Kriegszwecken und zur Ernährung der Soldaten.

Das hatte den Hunger für viele von ihnen prophezeit. Nur das Wild und das kleine Feld hatte Feld machte es Sorrn und seiner Familie möglich, zu leben.

Er blickte in den blauen Himmel. Es war nur noch eine halbe Stunde bis zu ihrem kleine Haus.

Doch dann weiteten sich seine Pupillen und er riss die Lippen zu einem Wortlosen Schrei auf.

Der Himmel war nicht blau.

Eine Rauchsäule erhob sich nach oben und wandte sich wie ein schwarzes Geschwür in die offenen Weiten.

Sorrn fühlte, wie er zu zittern begann.

Aber dann war der Schreck vorbei und alles andere war vergessen.

Er begann zu rennen.

Nichts als die offene Angst hatte seine Gedanken ergriffen.

Er klammerte sich an das letzte bisschen Hoffnung, das es für ihn gab.

Seine muskulösen Beine trugen ihn schnell über das Gras, doch sein Blick galt nur der Rauchsäule.

Eine Rauchsäule die, je näher er kam, immer genauer an den Ort führte, wo ihr Haus stand.

Hier in der Umgebung gab es keine anderen Höfe oder Häuser. Also gab es auch nicht viel, was brennen konnte und dabei eine solche Rauchsäule in den Himmel schickte.

Er rannte den Hügel hinauf und blickte hinab.

Diesmal fand der Schrei seinen Weg über seine Lippen.

Es war ihr Haus, das brannte.

Er schmiss das Reg von seinen Schultern und rannte weiter so schnell er konnte.

Immer näher zu dem Haus. Zu seinem Haus. Zu dem Haus seiner Familie, die allein dort gewesen waren.

Er hatte sie in Sicherheit geglaubt.

Er war auf die Jagd gegangen.

Sorrn rannte so schnell er konnte.

Die qualmenden Trümmer kamen immer Näher.

Immer dunkler wurde der Himmel vom Rauch.

Verzweifelt rannte er bis er schwer atmend vor den schwarz verkohlten Trümmern stand.

Die Balken glühten noch. Es hatte noch nicht lange gebrannt.

Überall war Asche.

Und dort, in der Mitte der Asche, in der Nähe der rotglühenden, rauchenden Trümmern stand ein schwarzer Holzpflock.

Und an diesem Holzpflock stand eine verbrannte gestalt. Nicht mehr zu erkennen, nur schwarz wie Kohle, eine rauchende Säule, die der Wind verwehte.

Sorrn sank auf die Knie und blickte hinauf zum verbrannten Leichnam seiner Frau.

Er schrie. Er schrie aus Panik.

Er schrie aus Verzweiflung.

Er schrie aus Zorn und Hasse.

Er hatte sie im Stich gelassen. Es war sein Fehler gewesen.

Zu den schwarzen, zur Unerkenntlichkeit verbrannten Füßen lag ein kleiner Gegenstand.

Weinend hob er ihn auf.

Tülckigul, die kleine selbstgebaute Puppe seines Zweitgeborenen. Aber war Henrikon, wo war Soralin. Beide zum Tod verbrannt.

Verzweifelt blickte er auf zu Helianna.

Seine wunderschöne Frau mit den rotblonden Locken und den nussbraunen Augen.

Seine Hände verkrampften sich vor seinem Gesicht.

Er tauchte sie in die warme Asche zu seinen Füßen.

Langsam ließ er sie auf sein bloßes Haupt rieseln.

Wieder und wieder.

Er streute sich Asche auf das Haupt. Bis sein Kopf und seine Haare schwarz wirkten und seine eisgrauen Augen grausam aus der schwärze hervorfunkelten.

Er zerrieb sich die Asche auf dem Kopf und schrie.

Ein Schrei.

Ein Schwur.

Eine Verheißung.
Ein Schwur der Asche.

Er schwor Rache.

Rache und Vergeltung den Umbrae.

 

Wäre Sorrn den Hügel hinaufgerannt und hätte er nach Osten geblickte, so hätte er sieben Reiter auf schweren Schlachtrössern erblicken können.

Die Rösser waren in Rüstungen aus schwarzem Metall gewandet, doch die Reiter waren gehüllt in Mäntel von so dunklen rot, dass sie in der hellen Umgebung in den Augen stachen.

Unter den Schleiern leuchteten ihre Augen grässlich.

Aber vor allem hätte er gesehen, wie die Reiter zwei verletzte und zerschlagene Gestalten hinter sich herschlugen.

Es waren zwei Kinder, zwei Jungen.

Beide ohnmächtig.

Henrikon und Solarin

 

Zurück